Ein Mitarbeiter geht in Rente. Seine Stelle wird neu besetzt – so lautet die Annahme hinter vielen Warnungen vor dem Arbeitskräftemangel. Doch was, wenn ein Unternehmen seine Abläufe inzwischen so verändert hat, dass es diese Stelle gar nicht mehr braucht? Der Beruf existiert weiter. Die Leistung wird weiterhin erbracht. Nur die Personalrechnung sieht anders aus.
An dieser unscheinbaren Verschiebung setzt Ronny Schmidt an. In seinem Gesellschaftsessay „Die Migration, die wir vielleicht nicht brauchen“ untersucht er die wirtschaftliche Begründung für zusätzliche Zuwanderung unter den Bedingungen von künstlicher Intelligenz und Robotik. Der Ausgangspunkt ist eine weitreichende Frage: Lässt sich aus einer alternden Bevölkerung bereits ableiten, wie viele zusätzliche Arbeitskräfte ein Land in Zukunft benötigt?
Die offene Größe in der Rechnung
Schmidt betrachtet die Arbeit hinter den Berufsbezeichnungen. Er führt durch Softwareentwicklung, Kanzleien und Verwaltung, durch Fabriken, Logistik und Transport. KI-Agenten, die zusammenhängende Vorgänge bearbeiten, und Roboter, die einzelne Handgriffe übernehmen, interessieren ihn wegen ihrer möglichen Folgen für den bezahlten menschlichen Aufwand. Schon weniger Neueinstellungen können eine langfristige Bedarfsprognose verändern, selbst wenn ein Unternehmen wächst und niemanden entlässt.
Die 18 Kapitel verbinden solche betrieblichen Veränderungen mit den großen politischen Versprechen. Dabei hält der Essay Unterschiede fest, die in der öffentlichen Debatte leicht verschwimmen: Menschen im erwerbsfähigen Alter sind noch keine verfügbaren Fachkräfte. Ein Arbeitsvertrag beantwortet noch nicht die Frage nach einer langfristigen öffentlichen Bilanz. Und der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens kann mit zusätzlichen Aufgaben für die Kommune zusammenfallen.
Besonders aufschlussreich sind die Passagen, in denen Schmidt seine eigene These auf die Probe stellt. Neue Technik kann zusätzliche Nachfrage und neue Beschäftigung schaffen. Pflege bleibt auf menschliche Zuwendung angewiesen. Eine beeindruckende Robotervorführung beweist noch keinen flächendeckenden Wandel. Das „vielleicht“ im Titel erhält seinen Sinn durch diese Gegenargumente: Die Zukunft bleibt offen, und genau deshalb müssen auch politische Bedarfsbehauptungen überprüfbar bleiben.
Was eine Gesellschaft tatsächlich gewinnt
Der Blick weitet sich auf Integration, öffentliche Haushalte, Wohnraum und die Leistungsfähigkeit von Schulen und Verwaltungen. Auch Sicherheit gehört in diese Betrachtung. Schmidt fragt nach den Folgen für konkrete Menschen und nach der Aussagekraft der Zahlen, mit denen darüber gestritten wird. Er unterscheidet Tatverdächtige von Verurteilten und statistische Gruppen von persönlicher Verantwortung. Wer gesellschaftliche Entwicklungen anhand einzelner Meldungen verfolgt, findet hier Anlass, die Maßstäbe der größeren Debatte genauer anzusehen.
Im letzten Teil führt das Buch zu einer Frage, die auch Leser ohne festgelegte Position zur Migration unmittelbar betrifft: Wovon leben Menschen, wenn ihre Arbeit weniger gebraucht wird? Schmidt diskutiert die Finanzierung des Sozialstaats, die Beteiligung an wirtschaftlichen Erträgen, kürzere Arbeitszeiten und den Zusammenhang zwischen Beruf und Selbstwert. Damit reicht der Essay bis in die eigene Lebensplanung hinein – zur Ausbildung der Kinder, zur Sicherheit des Einkommens und zum Wert langjähriger Erfahrung.
Eine Debatte, die ihre Voraussetzungen offenlegen muss
Schmidt schreibt zugespitzt und mit trockenem Spott über politische Bequemlichkeit. Zugleich macht er seine Argumentation an Beispielen, ausdrücklich gekennzeichneten Gedankenexperimenten und kapitelweise geordneten Quellen nachvollziehbar. Der Reiz der Lektüre liegt in der Verbindung von Entwicklungen, die häufig getrennt verhandelt werden: demografischer Wandel, Migration und die Neuorganisation der Arbeit.
Das Buch richtet sich an Leser, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entscheidungen gründlicher beurteilen möchten. Man muss die Vermutung des Titels nicht teilen, um sich auf die Untersuchung einzulassen. Aber man sollte bereit sein, eine vertraute Rechnung noch einmal zu öffnen – einschließlich der eigenen.
Buchdaten
- Autor: Ronny Schmidt
- Titel: Die Migration, die wir vielleicht nicht brauchen
- Untertitel: Einwanderung soll uns retten. Was, wenn KI und Roboter die Arbeit übernehmen?
- Sprache: Deutsch
- Taschenbuch: 190 Seiten
- Erscheinungstermin: 8. September 2026
- ISBN-13: 979-8172759505
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Über den Autor: Ronny Schmidt