Vorbereitung & Prävention

Buchvorstellung: Amok & Terror: Eigensicherung und Überleben

Was geschieht in den ersten Minuten einer akuten Angriffslage? Ronny Schmidts Praxis-Handbuch verbindet Run, Hide und Fight mit Objektbegehung, Rollen, Mikro-Drills und dem Ordnen danach.

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Freitag, 12:41 Uhr

Amok & Terror: Eigensicherung und Überleben beginnt mitten in einer Shoppingmall. Gespräche brechen ab, Glas klirrt, ein Kinderwagen bleibt an einer Tür hängen. Dann fallen drei Schüsse. Innerhalb weniger Sekunden ist aus einem gewöhnlichen Sommertag eine Lage geworden, die niemand im Gebäude vollständig überblickt.

Genau mit diesen ersten Minuten beschäftigt sich das Buch. Was können Menschen tun, solange noch keine Einsatzkräfte bei ihnen sind und verlässliche Informationen fehlen? Wie lässt sich entscheiden, obwohl Lärm, Angst und widersprüchliche Bewegungen jede Orientierung erschweren? Die Antwort besteht nicht aus einer einzelnen Technik und auch nicht aus dem Versprechen vollständiger Sicherheit. Das Buch entwickelt ein zusammenhängendes System, das Wahrnehmung, Bewegung, Räume, Kommunikation und Vorbereitung miteinander verbindet.

Run, Hide und Fight bilden dabei nur den Ausgangspunkt. Aus den drei bekannten Reaktionsmöglichkeiten entsteht ein praktischer Handlungsrahmen für Privatpersonen, Unternehmen, Schulen und andere Einrichtungen. Er beginnt lange vor einem Angriff mit der Frage, wie Aufmerksamkeit gesteuert und Entscheidungen vorbereitet werden können. Er endet auch nicht mit der ersten Flucht oder dem Schließen einer Tür, sondern führt weiter bis zur Versorgung Verletzter, zur Organisation einer Gruppe und zur Zusammenarbeit mit eintreffenden Einsatzkräften.

Handlungsfähig werden, bevor der Stress das Denken übernimmt

Eine akute Angriffslage trifft Menschen nicht nur körperlich, sondern zuerst in ihrer Wahrnehmung. Laute Knallgeräusche werden für Feuerwerk gehalten, Schreie für einen Streit und hektische Bewegungen für eine harmlose Unruhe. Das Gehirn versucht, das Ungewöhnliche in bekannte Muster einzuordnen. Diese Normalitätsverzerrung kostet Zeit, weil die Bedrohung zunächst erklärt wird, anstatt auf sie zu reagieren.

Das Buch setzt deshalb bei der mentalen Vorbereitung an. Es erläutert, warum der aus dem militärischen Bereich bekannte OODA-Loop für unvorbereitete Zivilisten in der unmittelbaren Sofortphase zu anspruchsvoll sein kann. Beobachten, orientieren, entscheiden und handeln klingt als geordneter Ablauf schlüssig. Unter massivem Stress kann jedoch gerade das Orientieren zur Hürde werden: Zu viele Informationen müssen bewertet werden, während die Fähigkeit zur Analyse bereits abnimmt. Aus dem Versuch, erst ein vollständiges Lagebild zu gewinnen, kann Stillstand entstehen.

Als alltagstauglichere Grundlage verwendet das Buch den Cooper-Farbcode. Weiß steht für Abwesenheit und starke Ablenkung, Gelb für eine ruhige Wahrnehmung der Umgebung, Orange für eine konkrete Auffälligkeit und Rot für die unmittelbare Handlung. Der Farbcode soll keine dauernde Alarmbereitschaft erzeugen. Er dient als Regler für Aufmerksamkeit. Wer eine Auffälligkeit früh erkennt, kann bereits in Orange einen einfachen Wenn-Dann-Entschluss fassen und muss die Entscheidung nicht erst unter vollem Handlungsdruck treffen.

Daran schließt das mentale Skripting an. Beim Betreten eines Gebäudes wird kein komplizierter Notfallplan im Kopf entworfen. Ein kurzer Blick auf einen zweiten Ausgang, eine stabile Schutzmöglichkeit und den nächsten sinnvollen Weg genügt. Aus dieser Beobachtung entstehen kleine vorbereitete Anschlüsse: Ist die Haupttür blockiert, folgt die Treppe links. Bricht ein Fluchtweg ab, wird der nächste verriegelbare Raum angesteuert. Solche Vorentscheidungen verkürzen im Ernstfall die Suche nach einer vollkommen neuen Lösung.

Run, Hide, Fight – und was danach kommt

Die drei Reaktionsmöglichkeiten werden nicht als starres Schema behandelt. Eine Lage kann sich innerhalb weniger Sekunden verändern. Ein zunächst freier Ausgang wird blockiert, ein Schutzraum verliert seine Sicherheit oder eine direkte Konfrontation lässt sich plötzlich doch durch Bewegung beenden. Entscheidend ist deshalb nicht, sich einmal für Run, Hide oder Fight zu entscheiden, sondern den Übergang zur jeweils nächsten sinnvollen Handlung vorzubereiten.

Run bedeutet mehr als möglichst schnell wegzulaufen. Das Buch zerlegt Flucht in erreichbare Abschnitte und zeigt, wie Gebäudeecken, Pfeiler, Seitengänge, Treppen und Türen genutzt werden können, um Sichtlinien zu unterbrechen. Der nächste sichere Punkt zählt mehr als eine ideale Route, die nur auf einem Gebäudeplan existiert. Türrahmen werden dabei als gefährliche Engstellen betrachtet: Wer dort stehen bleibt, zurückschaut oder auf andere wartet, blockiert den Weg und bleibt sichtbar. Die Abfolge ist bewusst einfach gehalten – hindurchgehen, seitlich aus dem Rahmen treten und erst danach neu orientieren.

Hide beginnt nicht mit dem bloßen Verstecken hinter einem Möbelstück. Zuerst muss verstanden werden, wie eine Tür öffnet, an welcher Stelle Kraft auf Schloss und Zarge wirkt und wie eine Barriere tatsächlich anliegen muss. Eine nach innen öffnende Tür verlangt eine andere Lösung als eine Tür, die nach außen öffnet. Gleichzeitig darf eine Barrikade die eingeschlossenen Menschen später nicht selbst daran hindern, den Raum zu verlassen.

Auch die Position im Raum wird genauer betrachtet. Direkt gegenüber der Tür liegt der Bereich, der beim Öffnen zuerst einsehbar ist. Das Buch beschreibt diesen Bereich als Fatal Funnel und stellt ihm die Hard Corner an der Türwand gegenüber. Daraus ergibt sich ein anderer Blick auf vermeintlich sichere Plätze. Die Rückwand ist nicht automatisch geschützt, ein großer Schreibtisch nicht automatisch eine Deckung und eine geschlossene Autotür nicht mit dem massiven Bereich um Motorblock und Achse vergleichbar. Sichtschutz nimmt den Blick, hält aber nicht zwangsläufig einer physischen Einwirkung stand.

Hinzu kommen Details, die in allgemeinen Kurzempfehlungen kaum vorkommen. In dunklen Räumen kann ein Smartphone das Gesicht deutlich sichtbar machen. Smartwatches aktivieren sich durch eine Handbewegung, Displays und Kontrollleuchten verraten Positionen, helle Kleidung oder spiegelnde Gegenstände verstärken Konturen. Damit wird Verbergen zu einem aktiven Vorgang: Zugang erschweren, Sichtachsen verlassen, Licht und Geräusche kontrollieren und einen weiteren Wechsel vorbereiten.

Fight bleibt die letzte Option einer ausweglosen Nahdistanzlage. Gegenwehr wird nicht als Duell verstanden und eine komplizierte Entwaffnung nicht als verlässlicher Standard dargestellt. Ziel ist es, den Ablauf des Angreifers so zu stören, dass wieder Distanz oder ein Fluchtweg entsteht. Sobald eine Trennung möglich ist, endet der Zweck der Gegenwehr. Ebenso wichtig ist die Zeit danach: Gegenstände müssen abgelegt, Hände sichtbar gehalten und Anweisungen der eintreffenden Polizei sofort befolgt werden, damit Helfende nicht irrtümlich als weitere Bedrohung wahrgenommen werden.

Aus Run, Hide und Fight wird deshalb im Buch das 3-plus-1-Prinzip. Das Plus eins steht für Konsolidieren. In einem vorläufig geschützten Bereich werden Menschen gesammelt, Verletzte gesucht, Aufgaben verteilt und Informationen für den Notruf gebündelt. Eine ungeordnete Gruppe bleibt schwer einschätzbar und kann neue Gefahren erzeugen. Eine organisierte Gruppe kann dagegen Auskunft geben, Erste Hilfe leisten und den eintreffenden Kräften ein klareres Lagebild vermitteln.

Aus einzelnen Reaktionen wird ein belastbarer Notfallplan

Ein Notfallplan darf nicht nur auf Papier funktionieren. Fluchtwege, Türen, Treppenhäuser, Fenster, Beleuchtung und Kommunikationsmittel müssen im tatsächlichen Gebäude geprüft werden. Ein schweres Möbelstück hilft wenig, wenn es sich nicht bewegen lässt. Eine Tür ist kein Schutz, wenn sie nicht verriegelt werden kann. Ein ausgewiesener Weg verliert seinen Wert, wenn er im Alltag zugestellt ist oder in einen ungeschützten Sammelbereich führt. Deshalb verbindet das Buch taktisches Verhalten mit einer konkreten Begehung des Objekts.

Für die Zeit nach dem ersten Schutzimpuls beschreibt es vier klar getrennte Rollen. Rot übernimmt Tür und Sicherung, Blau Kommunikation und Notruf, Grün die Versorgung Verletzter und Gelb die Koordination der Gruppe. Diese Aufgaben hängen nicht an Dienstgraden oder betrieblichen Hierarchien. Wer handlungsfähig ist und eine Aufgabe übernimmt, besetzt für diesen Moment die entsprechende Funktion.

Damit die Rollen unter Stress nicht nur erinnert, sondern ausgeführt werden, verankert das Buch sie mit Action Cards direkt am Ort der jeweiligen Aufgabe. Die rote Karte befindet sich an der Tür, die blaue am Kommunikationsmittel, die grüne beim Notfallmaterial und die gelbe an einem zentralen Punkt. Kurze, fest geordnete Handlungsschritte ersetzen die Suche nach dem nächsten Entschluss. Dieses Cognitive Offloading – das Auslagern von Denkprozessen auf ein sichtbares Hilfsmittel – macht aus einem abstrakten Plan eine unmittelbar nutzbare Gebäudeausstattung.

Training, das im Ernstfall abrufbar bleibt

Wissen allein schafft noch keine Handlungssicherheit. Deshalb beginnt das Training im Buch nicht mit einer großen Amokübung, sondern mit kurzen Einheiten von wenigen Sekunden oder Minuten. Eine Tür wird geschlossen, verriegelt und am Griff überprüft. Beim Betreten eines Raumes sucht der 3-Punkt-Blick den zweiten Ausgang, die stabilste Schutzmöglichkeit und den Standort einer Notfallkarte. Zwei Personen üben ein eindeutiges Gefahrensignal, auf das eine Bewegung ohne lange Rückfrage folgt.

Solche Mikro-Drills trainieren einzelne motorische, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, bevor sie miteinander verbunden werden. Erst danach entstehen Szenarien mit einem klaren Drehbuch: Briefing, Auslöser, Handlung, kontrolliertes Ende und unmittelbare Nachbesprechung. Dadurch bleibt erkennbar, was tatsächlich funktioniert hat und an welcher Stelle der Ablauf unterbrochen wurde. Das Training soll keine möglichst dramatische Lage nachspielen, sondern überprüfbare Handlungskompetenz aufbauen.

Weil selten genutzte Fähigkeiten wieder verloren gehen, behandelt das Buch Vorbereitung als fortlaufenden Prozess. Ein Trainingsjahr führt von der Begehung des Gebäudes und dem Kennenlernen der vorhandenen Mittel über Rollen und Abläufe bis zu Übungen unter zunehmender Ablenkung. Kurze Wiederholungen lassen sich in den Arbeitsalltag integrieren und wirken dem Skills Fade entgegen, ohne den Betrieb regelmäßig durch große Übungen lahmzulegen.

Wenn Standardempfehlungen nicht ausreichen

Die Bedingungen einer Shoppingmall unterscheiden sich von denen eines abgelegenen Betriebs, einer Schule oder eines mehrgeschossigen Bürogebäudes. Deshalb überträgt das Buch sein Grundsystem auf unterschiedliche Umgebungen. Im öffentlichen Raum geht es unter anderem um Menschenströme, alternative Ausgänge, dunkle Räume und die Übergänge zwischen Gebäude, Parkplatz und Fahrzeug. Bei Alleinarbeit gewinnen dagegen Zugangskontrolle und redundante Kommunikation an Bedeutung. Das PACE-Schema ordnet dafür einen primären Kommunikationsweg, eine Alternative, eine Ausweichlösung und einen Notfallkanal, damit ein einzelnes Smartphone nicht die gesamte Verbindung zur Hilfe trägt.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Menschen, für die die üblichen Empfehlungen nicht ohne Weiteres funktionieren. Ein Rollstuhlnutzer kann einen Fluchtweg über Treppen nicht nutzen, eine gehörlose Person hört keine Sirene und ein rein optischer Alarm hilft einem blinden Menschen nicht bei der Orientierung. Das Buch beschreibt deshalb unter anderem Defend-in-Place in einem vorher bestimmten Schutzabschnitt, das Zwei-Sinne-Prinzip der Alarmierung, Buddy-Systeme, nonverbale Bildkarten und tatsächlich befahrbare Rettungswege. Inklusion wird damit zu einem überprüfbaren Bestandteil der Sicherheitsplanung.

Auch die rechtlichen Grenzen körperlicher Gegenwehr werden nicht ausgeblendet. Ein eigener Teil ordnet Notwehr, Nothilfe und weitere Rechtfertigungsgründe nach deutschem Recht ein. Historische Fallstudien zu Virginia Tech, dem Thalys-Zug, dem Bataclan, dem Anschlag auf die Synagoge in Halle und dem Olympia-Einkaufszentrum München zeigen anschließend, wie sich Entscheidungen, räumliche Bedingungen und das Verhalten einzelner Menschen in realen Lagen ausgewirkt haben. Die Fälle dienen nicht der Dramatisierung, sondern der Frage, welche wiederkehrenden Muster sich für die Vorbereitung erkennen lassen.

Für wen dieses Buch geschrieben ist

Amok & Terror: Eigensicherung und Überleben richtet sich an Menschen, die nicht erst im Ereignis darüber nachdenken wollen, was als Nächstes zu tun ist. Dazu gehören Privatpersonen ebenso wie Verantwortliche in Unternehmen, Schulen, sozialen Einrichtungen und an abgelegenen Arbeitsplätzen. Das Buch vermittelt keine Garantie und verlangt keine dauernde Angst vor dem Ausnahmefall. Es zeigt, welche Entscheidungen vorbereitet, welche räumlichen Schwachstellen erkannt und welche einfachen Abläufe regelmäßig trainiert werden können.

Der praktische Schwerpunkt reicht von der persönlichen Wahrnehmung bis zum Notfallplan für ein gesamtes Objekt. Action Cards und ein Begehungsprotokoll im Anhang ermöglichen es, die beschriebenen Grundsätze auf konkrete Räume und Zuständigkeiten zu übertragen. So entsteht kein allgemeiner Appell, vorsichtiger zu sein, sondern ein Arbeitsbuch für Eigensicherung, Prävention und handlungsfähige Strukturen in den ersten Minuten einer akuten Angriffslage.

Buchdaten

  • Autor: Ronny Schmidt
  • Titel: Amok & Terror: Eigensicherung und Überleben
  • Untertitel: Vom Opfer zum Akteur: Das Praxis-Handbuch für Notfallpläne, Taktik und Prävention in Unternehmen, Schulen und im Alltag
  • Sprache: Deutsch
  • Taschenbuch: 118 Seiten
  • Erscheinungstermin: 14. Dezember 2025
  • ISBN-13: 979-8278747635

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